Vertikutieren und dann kahle Stellen – ist das normal?

Man hat es endlich gemacht. Den Vertikutierer ausgeliehen oder aus dem Keller geholt, den Rasen gründlich durchgearbeitet, kiloweise Filz und Moos herausgeholt – und sich dabei irgendwie gut gefühlt, weil man das Richtige tut. Und dann steht man ein paar Tage später im Garten und schaut auf einen Rasen, der aussieht wie nach einer Naturkatastrophe. Streifen, Löcher, kahle Flächen.

Die erste Reaktion ist meistens: Habe ich etwas falsch gemacht?

Die ehrliche Antwort: Wahrscheinlich nicht. Was danach kommt, ist entscheidender als das, was währenddessen passiert ist.

Was beim Vertikutieren passiert – und warum es danach so aussieht

Ein Vertikutierer schneidet mit rotierenden Messern oder Stahlfedern senkrecht in den Rasen. Das Ziel ist es, die verfilzte Schicht aus abgestorbenen Halmen, Moos und organischem Material zu durchtrennen und herauszureißen. Diese Schicht – der sogenannte Filz – verhindert, dass Wasser und Luft in den Boden eindringen, und begünstigt Moos und Krankheiten.

Das Problem: Der Vertikutierer macht keinen Unterschied zwischen Filz und lebendem Gras. Gerade schwächere Bereiche, lockere Stellen und bereits dünne Flächen werden dabei teilweise stark in Mitleidenschaft gezogen. Was vorher noch einen halbwegs geschlossenen Eindruck machte, liegt danach offen da.

Wie schlimm es danach aussieht, hängt stark davon ab, wie verfilzt der Rasen vorher war, wie tief eingestellt der Vertikutierer war und wie vital das Gras insgesamt ist.

Ab wann ist es wirklich zu viel?

Ein gewisses Maß an Kahlflächen nach dem Vertikutieren ist normal und kein Zeichen für einen Fehler. Wenn flächendeckend helle Streifen dort entstehen, wo die Messer langgefahren sind, ist das in der Regel kein Problem – das Gras wächst nach, sobald es die richtigen Bedingungen bekommt.

Besorgniserregend ist es dann, wenn ganze Bereiche komplett kahl sind, kein Gras mehr erkennbar ist und die bloße Erde liegt. Das kann passieren, wenn der Vertikutierer zu tief eingestellt war – so tief, dass er die Graswurzeln selbst beschädigt hat, und nicht nur den Filz darüber.

Ein guter Richtwert: Die Messerschneide sollte die Bodenoberfläche gerade so streifen, nicht tief eingraben. Bei den meisten Geräten ist das eine Einstellsache, die vor dem ersten Durchgang geprüft werden sollte.

Was jetzt zu tun ist

Nachsäen. Das ist der wichtigste Schritt nach dem Vertikutieren, vor allem wenn kahle Stellen entstanden sind.

Der Zeitpunkt des Vertikutierens ist kein Zufall: Man vertikutiert im Frühjahr oder Spätsommer, weil dann die Bedingungen für Keimung und Wachstum gut sind. Diese günstigen Bedingungen gelten genauso für die Nachsaat. Wer direkt nach dem Vertikutieren nachsät, nutzt das offene Bodenbild optimal aus – der Samen hat direkten Kontakt zur Erde, keine dicke Filzschicht liegt mehr darüber.

Den ausgekämmten Filz vollständig entfernen, die Fläche wenn nötig leicht rechen, Nachsaatmischung gleichmäßig aufbringen, leicht einarbeiten und regelmäßig wässern. Mehr braucht es in den meisten Fällen nicht.

Wie lange dauert die Erholung?

Das ist die Frage, die am häufigsten gestellt wird – und die Antwort hängt von den Bedingungen ab.

Bei gutem Wetter, ausreichender Feuchtigkeit und Temperaturen zwischen 12 und 22 Grad Celsius keimt frisch gesäter Rasen innerhalb von zwei bis drei Wochen. Lücken, die kein Saatgut brauchten – also Stellen, an denen die Grasnarbe nur ausgedünnt, aber nicht komplett zerstört wurde – füllen sich durch natürliche Bestockung der verbleibenden Halme oft von alleine, wenn die Bedingungen stimmen.

Vier bis sechs Wochen nach dem Vertikutieren sollte der Rasen merklich dichter geworden sein. Wenn nach acht Wochen noch große kahle Bereiche bestehen, lohnt ein zweiter Blick: Entweder war die Tiefeneinstellung wirklich zu aggressiv, oder es steckt eine andere Ursache dahinter – etwa ein verdichteter Boden, der die Keimung verhindert.

Ein häufiger Irrtum: Vertikutieren als Allheilmittel

Vertikutieren löst das Filzproblem – aber es ist kein Allheilmittel für jeden Rasenschaden. Wer einen Rasen vertikutiert, der hauptsächlich wegen Bodenverdichtung, Schatten oder falscher Pflege kahl ist, sieht danach zwar einen sauberen Boden, aber das eigentliche Problem bleibt ungelöst.

Wenn der Rasenboden verdichtet ist, braucht es nach dem Vertikutieren zusätzlich eine Belüftungsmaßnahme. Wenn Moos die Hauptursache war, sollte man die Bodenbedingungen angehen, die dem Moos erst die Chance gegeben haben. Vertikutieren alleine reicht dann nicht.

Kurz zusammengefasst

Kahle Stellen direkt nach dem Vertikutieren sind normal und kein Grund zur Panik – solange man danach nachsät, ausreichend wässert und ein paar Wochen Geduld mitbringt. Der Rasen sieht vorübergehend schlechter aus, um danach dauerhaft besser zu werden. Das ist der Sinn der Übung.

Wer das erste Mal vertikutiert und erschrocken auf das Ergebnis schaut: Der Rasen hat das schon überlebt. Und der nächste wird meistens besser.